Gibt es wirklich einen Klimawandel?

Behauptung: „Schon über 500 Forscher bezweifeln den menschengemachten Klimawandel“

„Die folgende Liste, zusammengestellt durch Dennis T. Avery vom Hudson Institute, enthält mehr als 500 renommierte Forscher, deren Arbeiten die Ansicht stützen, dass die gegenwärtige Erderwärmung natürlichen Ursprungs ist und nicht schlimmer als frühere Warmperioden.“ Heartland Institute

Fakt ist: Die meisten Experten, die als vermeintliche Kronzeugen gegen den Klimawandel präsentiert werden, wehren sich vehement gegen diese Vereinnahmung

Antwort: 

Die sogenannte „Liste der 500“ ist eine Täuschung: Die meisten Wissenschaftler, die darauf verzeichnet sind, bestreiten überhaupt nicht, dass der Mensch für die gegenwärtige Erderwärmung verantwortlich ist. Und die wenigen, die es tatsächlich tun, wiederholen lediglich längst widerlegte Mythen. Nach der Veröffentlichung der Liste haben zahlreiche dort verzeichnete Wissenschaftler scharf protestiert.

In der Klimaforschung herrscht weitgehend Konsens darüber, dass hauptsächlich der Mensch die gegenwärtige Erderwärmung verursacht. Eine beliebte Strategie zur Verschleierung dieser Tatsache ist es, Petitionen oder Namenslisten angeblich kritischer Experten zu veröffentlichen. Doch betrachtet man diese genau, so fällt auf: Wenn die Namen echt sind, dann stammen sie meist von Leuten, die klimawissenschaftliche Laien sind und nicht auf diesem Gebiet forschen. Und die wenigen tatsächlich in der Klimaforschung aktiven Personen befinden sich meist fälschlicherweise auf der Liste.

Eine der bekanntesten solcher Listen stammt von dem Agrarökonom Dennis T. Avery und dem Atmosphärenphysiker S. Fred Singer. Sie veröffentlichten im Jahr 2007 ein Buch mit dem Titel „Unstoppable Global Warming: Every 1.500 Years“ (zu deutsch: „Unaufhaltsame Erderwärmung: Alle 1.500 Jahre“), in dem sie den gegenwärtigen Klimawandel als Ergebnis langfristiger und natürlicher Schwankungen darstellen (konkret: als Wiederkehr der sogenannten Dansgaard-Oeschger-Ereignisse). Diese Theorie wird in der wissenschaftlichen Literatur nicht gestützt.

Im Zusammenhang mit dem gemeinsam verfassten Buch veröffentlichte Avery im Herbst 2007 eine Liste mit den Namen von mehr als 500 Wissenschaftlern, deren Arbeiten angeblich den menschengemachten Klimawandel bestreiten. Avery behauptete, die aufgeführten Forscher würden beispielsweise Sonnenzyklen oder andere natürliche Schwankungen des Klimasystems als Hauptverantwortliche für die jüngste Erderwärmung benennen.

Richtig ist, dass einige der von Avery angeführten Wissenschaftler bzw. deren Studien den Einfluss natürlicher Klimafaktoren untersuchten oder sich mit früheren Erwärmungsphasen der Erdgeschichte beschäftigten. Andere widmeten sich dem Anstieg des Meeresspiegels oder den Auswirkungen des Klimawandels auf Umwelt und Landwirtschaft. Doch betrachtet man die Autoren bzw. deren Arbeiten genauer, so widersprechen die meisten dem Konsens der Klimaforschung gar nicht. Avery und Singer haben selektiv ausgewählte Aussagen verfälscht oder verkürzt wiedergegeben oder einschränkende Informationen weggelassen.

So wird beispielsweise Stefan Rahmstorf genannt (der auch Mitglied des Beirates von klimafakten.de ist) – allerdings hatte er in dem als Beleg angeführten Fachaufsatz einen 1500 Jahr-Zyklus in der letzten Eiszeit beschrieben – aus diesem Artikel lässt sich jedoch weder folgern, dass es diesen Zyklus auch in Warmzeiten wie der heute herrschenden gibt, noch dass Stefan Rahmstorf Averys Theorie unterstützt; und schon gar nicht würde ein solcher Zyklus den heutigen menschlichen Einfluss auf das Klima widerlegen. Nur ganz wenige der aufgeführten Forscher bezweifeln tatsächlich, dass der gegenwärtige Klimawandel hauptsächlich vom Menschen verursacht ist. Und unter den Genannten finden sich auch Personen, die alles andere als Klimaexperten sind – etwa der 2004 verstorbene Richter und Hobbyastrologe Theodor Landscheidt.

Nach Erscheinen der Avery-Liste kontaktierten kanadische Journalisten rund ein Viertel der darauf genannten Wissenschaftler – etliche distanzierten sich oder protestierten direkt bei Avery gegen ihre Nennung:

„Ich glaube nicht, dass irgendeine meiner Arbeiten benutzt werden kann, um irgendeine der Aussagen [von Avery und Singer] zu stützen.“
Robert Whittaker, Professor für Bio-Geografie, Universität Oxford, Großbritannien

„Sie haben unsere Forschung genommen und verdreht, damit sie zu ihren eigenen Zielen passt. Das ist keine Wissenschaft!“
Paul F. Schuster, Hydrologe, US Geological Survey (Zentrale Forschungsagentur des US-Innenministeriums)

„Keine meiner Forschungspublikationen hat jemals auch nur angedeutet, dass die Erderwärmung etwas anderes ist als eine Folge menschengemachter Treibhausgase. Ich betrachte die Aufnahme meines Namens in diese Liste als Beschädigung meines Rufs als Atmosphärenforscher.“
Ming Cai, außerordentlicher Professor, Institut für Meteorologie, Florida State Universität, USA

Doch selbst bei solch ausdrücklichen Wünschen lehnte es Avery ab, Namen von seiner „Liste der 500“ zu streichen. In einer Erklärung beharrte er darauf, die Relevanz ihrer Arbeiten für seine These eines dominierenden 1.500-jährigen Klimazyklus besser beurteilen zu können als die Forscher selbst.

klimafakten.de, Dezember 2012;
zuletzt aktualisiert: Juli 2014