Behauptung: „Die Folgen des Klimawandels sind nicht (so) schlimm“

Behauptung: „Klimaschutz ist zu schwierig und viel zu teuer“

Behauptung: Niemand kann darlegen, wie wir unsere Emissionen um vier Fünftel verringern können, ohne unsere Wirtschaft zu ruinieren. Dieses Vorhaben grenzt umso mehr an Wahnsinn, als eine solche Donquichotterie die rasch ansteigenden CO2-Emissionen der Erde gar nicht aufhalten könnte, die seit 1990 bereits um 40 Prozent zugenommen haben. Es gibt keine Möglichkeit, eine Verdopplung der CO2-Emissionen bis zum Jahr 2100 zu verhindern.

Fakt ist: Die für den Klimaschutz nötigen Technologien gibt es längst, und ihre Kosten sind moderat

Antwort: 

Zahlreiche Untersuchungen haben ergeben, dass die menschengemachten Treibhausgasemissionen mit bereits heute verfügbaren Technologien ausreichend reduziert werden könnten – und dass dies ohne bedeutende Beeinträchtigungen der Wirtschaft möglich ist. Langfristig liegen die Kosten des Klimaschutzes mit Sicherheit deutlich unter denen, die eine ungebremste Erderwärmung zur Folge hätte.

Laut den Szenarien-Berechnungen des IPCC muss die Menschheit ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 mindestens halbieren, um einen Klimawandel mit unbeherrschbaren Folgen noch verhindern zu können. Für die Industriestaaten mit ihren hohen Emissionsniveaus bedeutet das eine Senkung der um 80 bis 90 Prozent.

Häufig ist das Argument zu hören, eine solche Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes sei gar nicht möglich. Es fehle an den nötigen Technologien, man müsse deshalb noch auf bahnbrechende Erfindungen warten. Jedenfalls seien die erforderlichen Klimaschutzmaßnahmen wirtschaftlich nicht tragbar, der Wohlstand in den Industrieländern sei bedroht.

 

Verfügbare Technologien …

Es gibt eine außerordentlich große Anzahl von Studien zu klimaschonenden Technologien. Allein der Teil des letzten IPCC-Reports, der den Wissensstand zu Emissionsminderungen (engl. „mitigation“) zusammenfasst, ist knapp 900 Seiten dick (englische Fassung des Teilreports der Arbeitsgruppe III, eine 26-seitige deutsche Kurzzusammenfassung).

In einer Überblicksstudie analysierten die beiden Princeton-Professoren Stephen Pacala und Robert Socolow schon vor Jahren diverse Möglichkeiten zur Verringerung der menschengemachten Treibhausgasemissionen (Pacala/Socolow 2004). Sie skizzierten insgesamt 15 technologische Maßnahmen, von denen beim damaligen weltweiten Treibhausgas-Ausstoß bereits sieben genügt hätten für eine Verhinderung eines dramatischen Klimawandels. Inzwischen ist das Emissionsniveau zwar deutlich gestiegen, weshalb heute wohl schon neun dieser Maßnahmen nötig wären. Die beiden Wissenschaftler betonten, dass sämtliche vorgeschlagenen Maßnahmen „die Labor- und Demonstrationsphase schon hinter sich haben, und viele der Technologien sind sogar bereits irgendwo vollumfänglich industriell implementiert worden“.

Pacala und Socolow formulierten ein Konzept sogenannter „Stabilisierungskeile“ – jeder „Keil“ steht dabei für eine einzelne Maßnahme, mit der die Treibhausgas-Emissionen um eine bestimmte Menge verringert  und auf klimaverträglichem Niveau stabilisiert werden können. Jede Maßnahme fängt in der Gegenwart bei Null an und wird linear gesteigert, in Emissionsdiagrammen erscheinen sie deshalb als Keile (siehe Abbildung 1). Am Ende des betrachteten 50-Jahres-Zeitraums hat jeder „Keil“ ein Niveau erreicht, das einer Einsparung von einer Gigatonne Kohlenstoff pro Jahr entspricht (in der englischsprachigen Klimadebatte wird häufig von „Kohlenstoff-Emissionen“ gesprochen, eine Tonne Kohlenstoff entspricht umgerechnet knapp 3,7 Tonnen Kohlendioxid).

Konzept der Stabilisierungskeile

Abbildung 1: Das Konzept der Stabilisierungskeile (engl.: „stabilization wedges“) ist, den gegenüber den heutigen Treibhausgas-Emissionen (blaue Fläche) zu erwartenden Anstieg (das orange Dreieck) in überschaubare Keile (acht Stück in der Grafik) zu zerlegen. Jeder Keil steht für eine technologische Maßnahme, die innerhalb von 50 Jahren die Emissionen um eine Milliarde Tonnen Kohlenstoff (entspricht jeweils rund 3,7 Milliarden Tonnen CO2) mindern könnte; Quelle: Carbon Mitigation Initiative(CMI)

Der Charme der Arbeit ist auch noch ein Jahrzehnt nach Erscheinen, dass sie die unvorstellbare große Emissionsminderung, die weltweit bis 2050 nötig ist, in kleinere Stücke zerlegt wurde. Die Herausforderung, die auf den ersten Blick „unmöglich“ zu lösen erscheint, formulierte es Robert Socolow einmal, verwandelten sie in eine Sammlung von Einzelmaßnahmen, die jeweils immer noch „monumentale Aufgaben“ wären – aber doch jeweils möglich und vorstellbar.

Zu den Technologien bzw. Maßnahmen, die in der Studie identifiziert wurden, gehören die folgenden. Wie gesagt, Pacala und Socolow verstanden sie lediglich als Beispiele. Und natürlich muss bei der Auswahl jeweils Rücksicht darauf genommen werden, inwieweit die Technologien gesellschaftlich akzeptiert sind und nicht mögliche Risiken evtl. gegen ihren Einsatz sprechen. Alle genannten Maßnahmen lassen sich den Autoren zufolge zu je einem „Keil“ ausbauen – jede für sich würde also bis Mitte des 21. Jahrhunderts eine Senkung der weltweiten Kohlenstoff-Emissionen um eine Milliarde Tonne pro Jahr ermöglichen.  (Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es gibt zahlreiche weitere technologische Möglichkeiten für „Stabilisierungskeile“):

Senkung des Benzinverbrauchs - Ein Keil würde erreicht, wenn bei zwei Milliarden Pkw der Verbrauch von 7,6 Litern auf 3,8 Litern je 100 Kilometer halbiert würde (bei unveränderter Fahrleistung). Angesichts der aktuellen technischen Fortschritte bei Hybrid- und elektrischen Fahrzeugen ist dies ein sehr realistischer Keil.

Reduzierung der Fahrleistung - Selbst mit dem heutigem Kraftstoffverbrauch würde bei zwei Milliarden Autos, die für Mitte des Jahrhunderts erwartet werden, ein Keil erreicht, wenn die jährliche durchschnittliche Fahrleistung von heute 16.000 auf 8.000 Kilometer halbiert würde.

Energieeffizientere Gebäude - Würden bekannte, bereits etablierte Methoden für energieeffiziente Heizung, Kühlung, Wassererwärmung und Beleuchtung in Wohn- und Gewerbegebäuden konsequent eingesetzt, wäre ein weiterer Keil erreicht.

CCS-Kraftwerke - Ein Keil würde erreicht, wenn bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts in 800 Kohle- oder 1.600 Gaskraftwerken (mit je 1.000 Megawatt Kapazität) Vorrichtungen zur Abscheidung und unterirdischen Verpressung von Kohlendioxid installiert wären.

Ausbau der Windkraft - Für einen Keil wäre die Installation von Anlagen mit etwa 2.000 Gigawatt (GWp) Leistung erforderlich, das entspräche 400.000 Fünf-MW-Anlagen oder einer Verzehnfachung der globalen Kapazität des Jahres 2010. Angesichts des bisherigen Ausbautempos ein sehr realistisches Szenario, allein zwischen 2004 und 2010 hat sich die weltweite Windkraftkapazität von 40 auf 215 GW bereits mehr als verfünffacht

Ausbau der Photovoltaik - Ein weiterer Keil ergäbe sich, wenn Photovoltaik-Anlagen mit einer Kapazität von 2.000 GWp installiert werden (und dadurch Kohlestrom ersetzt würde), das wäre etwa das Fünfzigfache der weltweit installierten Leistung von 2010. Bei politischer Förderung dürfte auch dieser Keil realistisch sein, zwischen 2000 und 2010 betrug die jährliche Wachstumsrate bereits 39 Prozent.

Regenwaldschutz und klimaschonende Bewirtschaftung von Wäldern in der gemäßigten und tropischen Zone - Mindestens ein halber Keil würde erreicht, wenn die gegenwärtige Abholzung primärer Regenwälder gestoppt wird (statt sie nur, wie ohnehin politisch angestrebt, zu halbieren). Ein weiterer halber Keil ergäbe sich, wenn etwa 250 Millionen Hektar Tropenwald oder 400 Millionen Hektar Wald in gemäßigten Gebieten aufgeforstet werden könnten. (Die aktuellen Waldgebiete in den Tropen bedecken eine Fläche von 1.500 Millionen Hektar, die in der gemäßigten Zone 700 Millionen Hektar.)

Bodenschonende Landwirtschaft - Der konventionelle Ackerbau verursacht große Mengen an Treibhausgasen, unter anderem, weil häufiges Pflügen den Boden belüftet und so die Zersetzung organischer Stoffe beschleunigt. Ein halber bis ein ganzer Keil könnte durch eine weltweite Etablierung der pfluglosen Landwirtschaft (engl. „conservation tillage“) erreicht werden.

Nach den Worten von Pacala und Socolow ist „keine einzige der verschiedenen Möglichkeiten ein Wunschtraum oder eine unausgegorene Idee“. Zudem ist die Liste der Technologien alles andere als vollständig, sie ließ beispielsweise solarthermische Kraftwerke und etliche andere erneuerbare Energie-Technologien völlig außer acht, ebenso Emissionsminderungen in der Industrie durch veränderte Produktionsprozesse und Produkte oder auch Möglichkeiten einer Umgestaltung der Abfallwirtschaft.

Aus all dem kann man folgern: Die erforderliche Senkung von Treibhausgas-Emissionen und die Implementierung der notwendigen „Stabilisierungskeile“ ist ein zwar schwieriges, aber kein unmögliches Unterfangen. Außerdem steht grundsätzlich eine große Auswahl an verschiedenen Lösungen und Lösungskombinationen zur Verfügung.

 

… und ihre Wirtschaftlichkeit

Ausführlich hat sich der 4. Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2007 mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von Klimaschutzmaßnahmen befasst. Die vorliegenden wissenschaftlichen Studien, so das zentrale Ergebnis der IPCC-Arbeitsgruppe III, zeigten

„hohe Übereinstimmung über und eine starke Beweislage für ein signifikantes wirtschaftliches Potenzial zur Minderung von globalen Treibhausgasemissionen über die nächsten Jahrzehnte … , das den projizierten Zuwachs globaler Emissionen kompensieren oder die Emissionen unter die aktuellen Werte senken könnte“.

Der Bericht stellt fest, dass die Stabilisierung des CO2-Gehalts der Atmosphäre bei 445 bis 535 ppm (was eine Erderwärmung von etwa 2,0 bis 2,8 Grad Celsius zur Folge hätte) das durchschnittliche jährliche Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um weniger als 0,12 Prozent beeinträchtigen würde. Zudem ergebe sich diese verlangsamte Wachstumsrate des BIP aus einem Vergleich mit einem Szenario, in dem der Klimawandel keine Auswirkungen auf die Wirtschaft hat und das deshalb unrealistisch sei. Laut IPCC würde die weltweite Wirtschaftsleistung infolge einer ernsthaften Klimaschutz-Politik bis 2030 um nicht mehr als 3,3 Prozent sinken, je nachdem, in welchem Umfang die Emissionen verringert werden. Etliche Untersuchungen deuten sogar auf noch geringere Einbußen bei der Wirtschaft – fünf von elf Modellrechnungen ergaben, dass selbst bei strengem Klimaschutz und einer Begrenzung des atmosphärischen CO2 auf 450ppm lediglich damit gerechnet werden muss, dass die weltweite Wirtschaftsleistung im Jahr 2030 um ein Prozent niedriger liegt als sonst zu erwarten (Edenhofer et al. 2006).

Der IPCC-Bericht kam außerdem zu dem Ergebnis, dass als Nebenfolge einer Verringerung des Treibhausgas-Ausstoßes auch die Emissionen anderer, gesundheits- und umweltschädlicher Luftschadstoffe sinken würden. Die daraus resultierenden gesundheitlichen Vorteile (bzw. geringeren Krankheitskosten) könnten einen erheblichen Teil der Kosten für die Klimaschutzmaßnahmen ausgleichen. Weitere wichtige Ergebnisse des Reports der IPCC- Arbeitsgruppe III:

Energieeffizienzoptionen für neue und bestehende Gebäude könnten CO2-Emissionen beträchtlich reduzieren und dabei einen wirtschaftlichen Nettogewinn erzielen. Der Nutzung dieses Potenzials stehen zwar viele Hemmnisse entgegen, es gibt aber auch große positive Nebeneffekte.“

„Forstwirtschaftliche Emissionsminderungsmaßnahmen können zu niedrigen Kosten Emissionen beträchtlich reduzieren.“

„Den Regierungen steht eine große Anzahl nationaler Politiken und Instrumente zur Verfügung, um Anreize für Emissionsminderungsmaßnahmen zu schaffen … Politiken, die einen realen oder impliziten Kohlendioxidpreis einführen, könnten Anreize für Hersteller und Verbraucher schaffen, in hohem Maße in kohlendioxid-arme Produkte, Technologien und Prozesse zu investieren.“

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es zahlreiche kostengünstige Möglichkeiten zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen gibt, von denen manche auch wirtschaftlichen Nutzen schaffen. Natürlich sind sie politisch nicht immer leicht umzusetzen. Insgesamt aber lassen sich die Emissionen zu Kosten verringern, bei denen kein Ruin der Weltwirtschaft zu erwarten wäre. Im Gegenteil: Eine Verlangsamung der Klimaerwärmung infolge der Emissionsminderungen würde der wirtschaftlichen Entwicklung vermutlich  sogar nützen.

Dana Nuccitelli/klimafakten.de, Stand: November 2011