"Wir berichten seit Jahren über das Klimaproblem - aber es ändert sich nichts"

Es ist ein ungewöhnliches Format: Für das kommende Wochenende laden die Journalisten von Correctiv.org "Aktivistinnen, Medienvertreter, Expertinnen und Klimamanager" zu einem "Klimacamp" nach Kiel. Und zwar zu einem Camp, das die Journalisten selbst mitorganisieren. "Die Idee ist, die Leute einzubinden und in Workshops Lösungen zu finden", erklärt Annika Joeres, die seit 2014 als Reporterin bei Correctiv arbeitet. "Hingehen und einfach nur darüber berichten, ist uns zu wenig", sagt ihre Kollegin Katarina Huth. "Vielmehr geht es darum, neue Gesprächsräume zu schaffen und zu bespielen."

Journalisten, die selbst zu Akteuren werden? Ja, sagt Huth, den klassischen Journalismus, der stets Distanz wahrt zum Berichtsobjekt, den habe man "hinter sich gelassen". Außerdem organisiere man das Kieler Camp ja nicht allein. "Die Universität, die Stadt, die 'Bürgerinitiative Klimanotstand Kiel' sind Mitveranstalter." Und auch der NDR sei an Bord.

"Wir machen Journalismus für die Gesellschaft und mit der Gesellschaft" - so präsentiert sich das 2014 gegründete, gemeinnützige Projekt Correctiv auf seiner eigenen Website; Foto: Screenshot Correctiv.org

"Wir berichten seit Jahren über das Klimaproblem - aber es ändert sich nichts", argumentiert Annika Joeres. Deshalb müsse man die Formate hinterfragen: "Meist diskutieren auf Veranstaltungen die Journalistinnen und Journalisten untereinander, das wollten wir ändern: Jetzt diskutieren die Fach-Journalisten mit Aktivistinnen und Expertinnen." Auch Huth meint, es brauche "neue Ansätze, Leute für das wichtigste Thema der Zeit zu mobilisieren." Erste Erfahrungen als Mit-Veranstalter habe man bereits mit den Klimawochen in Cuxhaven und in Goslar gesammelt; und im Herbst sind weitere Klimawochen in Nordrhein-Westfalen geplant, wo Correctiv in Essen auch seinen Hauptsitz hat.

Mischfinanzierung aus Stiftungsgeldern und Publikumsspenden

Correctiv bezeichnet sich als "erstes gemeinnütziges Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum". Organisiert ist sie als gemeinnützige GmbH. Gegründet wurde es 2014 wurde mit einer Anschubfinanzierung der Brost-Stiftung, hinter der die langjährige Verlegerin der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung stand. Correctiv war eines der ersten stiftungsfinanzierten Journalismusprojekte in Deutschland überhaupt. In den USA ist das Modell (auch weil dort den tradtionellen Medien die Einnahmen wegbrachen und ein Zeitungssterben einsetzte) schon länger bekannt; das Recherchezentrum ProPublica ist dort das wohl bekannteste Projekt.

Inzwischen hat Correctiv eine Mischfinanzierung aus Stiftungszuwendungen und Kleinspenden etabliert. Es sorgte in den vergangenen Jahren mit einigen Recherchen für Aufsehen, etwa zu den sogenannten Cum-Ex-Betrügereien, bei denen Aktienhändler und -Fonds den deutschen Staat um Milliarden an Steuern prellten. Andere Themen waren und sind ganz nah am Alltag der Leserinnen und Leser, etwa als Recherchen einen Apotheker in Bottrop überführten, Krebsmedikamente gepanscht zu haben.

Journalisten sollen wieder "nahbar" werden

"Die Nahbarkeit der Journalisten ist verlorengegangen", sagt Bastian Schlange, der bei Correctiv die Ruhr-Redaktion leitet. Früher sei der Lokaljournalist erster Ansprechpartner für den Bürger gewesen, heute sei Medienkrise und der Lokaljournalist überlastet. "Wir wollen das ändern", sagt Schlange. Nach der Apothekerrecherche zum Beispiel "lösten wir unsere Redaktionsräume auf und sind in einen Bottroper Laden umgezogen – um auch medizinische Vorträge und Rechtsberatung anbieten zu können." Seit jener Erfahrung sitzt die Essener Redaktion in einem firmeneigenen Buchladen, mindestens einmal in der Woche gibt es eine Veranstaltung, Lesungen etwa oder Diskussionsrunden zu aktuellen Recherchen, der angeschlossene Youtube-Kanal hat 6.600 Abonnenten.

Innovativ zeigte Correctiv auch mit einer Crowd-Recherche "Wem gehört Hamburg?" Um den Hamburger Immobilienmarkt transparenter zu machen, forderten die Macher - in Kooperation mit dem Hamburger Abendblatt - die Leser auf, die Eigentümer ihrer Mietwohnungen zu melden. In einem extra eingerichteten Crowd-Newsroom wurden die Informationen gesammelt und so die Eigentumsdaten zu mehr 15.000 Wohnungen recherchierbar gemacht. Das Projekt (das später auf fünf andere Städte übertragen wurde, etwa Berlin und Minden) erhielt in diesem Jahr den Grimme-Online-Award, den renommiertesten deutschen Preis für Online-Journalismus.

Seit August unterhält Correctiv nun eine spezielle "Klima-Redaktion"

Inzwischen hat Correctiv 35 Mitarbeiter, im August wurde eine eigene "Klimaredaktion" gegründet. Sie hat kürzlich in Nordrhein-Westfalen eine Crowd-Recherche unter dem Titel "Wo stehst Du?" angeschoben. (Transparenzhinweis: Dieses Projekt wird von der Stiftung Mercator gefördert, die auch klimafakten.de mitfinanziert.) "Stehst Du grad im Stau?", werden da die Leserinnen und Leser gefragt. "Wartest Du auf die Bahn? Oder ärgerst Du Dich, weil Dein Fahrrad einem Schlagloch zum Opfer gefallen ist?" Wer hierzu Daten liefert, hilft der Redaktion, ein "Bewegungsprofil" für NRW zu erstellen und Mobilitäts-Engpässe zu lokalisieren.

Angetrieben ist dieses Projekt nicht nur von journalistischer Neugier - sondern auch von einer politischen Idee: "Wenn wir unsere klimapolitischen Ziele verwirklichen wollen, dann müssen wir bei unserer Mobilität ansetzen", erklärt Annika Joeres. Wichtig sei dafür aber zu wissen, wie diese Mobilität derzeit ganz praktisch läuft. Mit ihrer Neudefition des journalistischen Rollenverständnisses im Angesicht der Klimakrise steht Correctiv übrigens nicht allein: Unter dem Motto "Keep it in the ground" startete die britische Tageszeitung The Guardian vor einigen Jahren sogar eine explizite Kampagne gegen fossile Energieträger. Und in der Schweiz startete der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi kürzlich eine Volksinitiative für scharfen Klimaschutz: "Ich hatte die Nase voll davon, immer nur zu schreiben, was man tun müsste", begründete er den ungewöhnlichen Schritt.

Am Wochenende startet nun also Correctiv das Klimacamp in Kiel. "Klimakrise extrem - Wie wenden wir das Schlimmste noch ab?" lautet der nicht gerade neutral-distanzierte Titel der Veranstaltung. Gabi Bauer vom NDR betont, nicht Mitveranstalterin des Camps zu sein. "Wir zeigen bei unserer Veranstaltung am Vorabend einen Film aus der Reihe #wetterextrem, unserem Programmschwerpunkt zum Klima." Im Anschluss werde es eine Diskussionsrunde geben in denselben Uni-Räumen, in die am nächsten Tag auch Correctiv einlädt. Irgendein Distanzproblem sieht Bauer nicht: Es sei doch zentrale Aufgabe des NDR, "Dinge zu thematisieren, die wesentlich sind und die Menschen bewegen".

Derweil ist Katarina Huth in Gedanken und der konkreten Planung bereits bei den geplanten Klimawochen in Nordrhein-Westfalen. "In einem Jahr sind Kommunalwahlen in NRW, wir wollen uns verschiedenen lokalen Klimaproblemen widmen." Unter anderem eine Podiumsdiskussion mit einem Oberbürgermeister und einer FridaysForFuture-Aktivistin schwebt ihr vor. Dies wäre dann sogar wieder ganz traditioneller Lokaljournalismus - aber dabei wird es bei den Klimawochen sicher nicht bleiben.

Nick Reimer

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